Skip to content

Wallbox im Mehrfamilienhaus: Ladeinfrastruktur für WEGs richtig planen

Wie installiert man Ladeinfrastruktur in Tiefgaragen von Mehrfamilienhäusern? Kevin Döhnel und Edward Cooper klären über Lastmanagement und die richtige Abrechnung auf.
⚡ Schnell-Zusammenfassung

Eine Wallbox im Einfamilienhaus ist heute kein großer Akt mehr. Aber wie läuft das in der Tiefgarage mit 15 Parteien? Ohne passendes Konzept fliegt schnell die Hauptsicherung – oder die Eigentümerversammlung versinkt im Chaos. Wir zeigen euch praxisnah, wie Lastmanagement wirklich funktioniert, warum MID-Zähler oft völlig ausreichen und wie die Abrechnung fair abläuft.

⏱️ Lesezeit: ca. 4 Minuten | 📅 Datum: 25.11.2025 | ✍️ Autor: Kevin Döhnel

Eine Ladestation im Einfamilienhaus ist meist schnell gemacht. Doch in der Wohnung eines Mehrfamilienhauses oder einer Eigentümergemeinschaft (WEG) sieht die Sache anders aus.

Hier wird es schnell deutlich komplizierter.

In vielen Tiefgaragen stehen Eigentümer vor echten Problemen:

  • Veraltete Stromanschlüsse
  • Fehlende Gesamtkonzepte
  • Endlose Diskussionen in der Eigentümerversammlung.

Wir bei TICON Energy sehen das fast täglich. Oft stellt sich auch die Frage: Muss der Zählerschrank nachgerüstet oder erneuert werden?

Gemeinsam mit unserem Partner Edward Cooper von The Charging Project aus Hamburg zeigen wir euch heute: So bauen wir komplexe Ladeinfrastruktur in Mehrfamilienhäusern strukturiert auf.

Vorschaubild

Das Grundproblem: Der Hausanschluss

Die alten Stromanschlüsse von Mehrfamilienhäusern wurden nie dafür ausgelegt, dass abends plötzlich zehn Autos gleichzeitig laden.

Schauen wir uns den Bestand an, fällt sofort auf: Autoladen stand da nicht auf dem Plan.

Das Szenario: 15 Leute wollen in der Tiefgarage jeweils eine 11-kW-Wallbox (AC oder DC?) installieren.

  • Wenn alle gleichzeitig laden, fliegt die Hauptsicherung.
  • Der Netzbetreiber rechnet nach alten DIN-Normen (DIN 18015).
  • Das Ergebnis: Die Genehmigung wird schlichtweg verweigert.

Die einzige Alternative wäre ein extrem teurer Ausbau des Hausanschlusses. Die wahre Lösung ist jedoch nicht, wild Kabel zu ziehen, sondern mit Köpfchen ranzugehen.

Das Zauberwort: Lastmanagement

Um den vorhandenen Stromanschluss nicht zu überlasten, brauchen wir ein intelligentes Lastmanagement. Das ist Pflicht in praktisch jeder Tiefgarage.

Das Prinzip ist einfach: Das System verteilt die zur Verfügung stehende Leistung dynamisch und gerecht auf alle ladenden Fahrzeuge.

  • Kommt der erste Nachbar, lädt sein Auto mit voller Leistung (z. B. 11 kW).
  • Kommt der zweite dazu, regelt das System beide auf 5,5 kW herunter.
  • Kommen alle fünf gleichzeitig, laden sie vielleicht nur noch mit jeweils 2 bis 4 kW.

In der Praxis ist das überhaupt kein Problem! Autos stehen oft über viele Stunden in der Nacht in der Tiefgarage.

Die Erfahrung zeigt: Im Schnitt reichen 2 kW pro Fahrzeug völlig aus, um alle Autos bis zum nächsten Morgen zufriedenstellend vollzuladen.

[!TIP] Muss ein Lastmanagement teuer sein? Nein. Viele denken direkt an horrende Kosten für Server oder riesige Schränke. Es gibt inzwischen sehr gute herstellereigene Software-Lösungen (z. B. Easee-Wallboxen).

Dort läuft das Lastmanagement quasi kostenlos über die Cloud. Wichtig: Bleibt bei einem Hersteller! Ein bunter Mix an Wallboxen macht ein kostengünstiges Lastmanagement unmöglich.

Wie kommt der Strom zum Parkplatz?

Grundsätzlich gibt es zwei Varianten, wie wir den Strom vom Zählerschrank zum Auto bekommen:

Variante 1: Anschluss über den Wohnungszähler

In kleineren Häusern (bis max. 30 Parteien) können wir direkt vom privaten Wohnungszähler zur Wallbox verkabeln. Die Wallbox ist dann einfach ein zusätzlicher Verbraucher – ähnlich wie das Kellerlicht.

  • Vorteil: Keine extra Abrechnung nötig. Der Strom läuft über den normalen Haustarif.
  • Nachteil: Funktioniert nur, wenn die Kabelwege kurz und die Parkplätze fest zugeordnet sind.

Variante 2: Der Gemeinschaftszähler

In größeren Objekten installieren wir in der Regel eine Grundinstallation (z. B. eine Stromschiene) über einen zentralen Gemeinschaftszähler. (Hierzu gibt es spezielle Zählerkaskaden und Messkonzepte).

Für echte Großprojekte wie in Weißenhorn nutzen wir sogar Kaskadierungen von großen Speichersystemen. Für die normale WEG reicht oft eine einfache Lösung.

  • Vorteil: Sehr skalierbar. Wer eine Wallbox braucht, klinkt sich einfach in die Stromschiene ein.
  • Nachteil: Der Strom muss am Ende gerecht auf die einzelnen Nutzer abgerechnet werden.

Abrechnung und das ewige Thema “Eichrecht”

Wenn der Strom über den Gemeinschaftszähler läuft, müssen wir erfassen, wer wie viel geladen hat. Das funktioniert simpel:

  • Man schaltet die Wallbox mit RFID-Karte oder App frei.
  • Die Software im Hintergrund registriert den Verbrauch.
  • Die Hausverwaltung (oder ein Dienstleister) kann am Monatsende eine saubere Excel- oder PDF-Abrechnung ziehen.

Hier kommt oft das böse Wort “Eichrecht” ins Spiel. In Deutschland wird oft pauschal nach extrem teuren, eichrechtskonformen Ladesäulen geschrien. Aber Vorsicht:

[!IMPORTANT] MID-Zähler reichen meist völlig aus! Für die rein interne Abrechnung innerhalb einer geschlossenen Eigentümergemeinschaft reicht in den allermeisten Fällen ein MID-zertifizierter Zähler in der Wallbox. Das ist das europäische Standard-Zertifikat für Messgeräte und spart der WEG in der Anschaffung bares Geld.

Wer zahlt was? (Gemeinschafts- vs. Sondereigentum)

In der Eigentümerversammlung muss geklärt werden, wie die Kosten aufgeteilt werden. Wir bei TICON Energy empfehlen immer diese saubere Trennung:

  • Gemeinschaftseigentum: Die Grundinfrastruktur (Kabeltrassen, Stromschiene, Lastmanagement) dient dem ganzen Haus. Sie sollte von der Gemeinschaft getragen werden, da sie den Wert der Immobilie steigert.
  • Sondereigentum: Das “letzte Meter”-Kabel und die eigentliche Wallbox am Platz zahlt der jeweilige Eigentümer, der auch tatsächlich laden will.

Der richtige Projektablauf: Wie geht man als WEG vor?

Der größte Fehler, den wir immer wieder sehen:

  • Die Eigentümerversammlung redet wild durcheinander.
  • Drei Leute holen sich wahllos Angebote von verschiedenen Elektrikern.
  • Alle bieten unterschiedliche Konzepte an.
  • Am Ende ist nichts vergleichbar und das Projekt stirbt.

So macht man es richtig:

  1. Bestandsaufnahme: Holt euch neutrale Experten ins Boot (wie The Charging Project). Die prüfen den Hausanschluss und zeigen mögliche Konzepte auf.
  2. Entscheidung der WEG: Die Gemeinschaft entscheidet sich verbindlich für ein technisches Konzept.
  3. Umsetzung: Mit diesem klaren Konzept kommt ihr zu uns. Wir als ausführender Fachbetrieb (TICON Energy) bauen die Anlage dann exakt nach Plan auf.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Braucht eine WEG zwingend ein teures Eichrecht-System für die Wallboxen?

Nein. Für die interne Abrechnung in einer geschlossenen Wohnungseigentümergemeinschaft reicht meist ein günstigerer MID-zertifizierter Zähler in der Wallbox aus. Teure Eichrechts-Ladesäulen sind primär für den öffentlichen Raum wichtig.

Was genau macht das Lastmanagement in der Tiefgarage?

Da der Hauptanschluss eines Mehrfamilienhauses nicht dafür ausgelegt ist, dass alle Autos gleichzeitig mit voller Leistung laden, verteilt das Lastmanagement den Strom dynamisch. Es regelt die Leistung automatisch herunter, wenn viele Autos dranhängen, sodass die Sicherung nie herausfliegt.

Wie funktioniert die Abrechnung über einen Gemeinschaftszähler?

Die Nutzer schalten ihre Wallbox einfach per RFID-Karte oder App frei. Die integrierte Software erfasst genau, wer wie viel Strom geladen hat. Die Hausverwaltung oder ein Dienstleister exportiert diese Daten dann für die Nebenkostenabrechnung.

Habe ich als Eigentümer oder Mieter überhaupt ein Recht auf eine Wallbox?

Ja, durch die WEG-Reform haben Eigentümer und Mieter grundsätzlich einen Anspruch auf die Installation einer Lademöglichkeit – vorausgesetzt, sie übernehmen die Kosten für ihr eigenes Vorhaben selbst.

Seht euch hier das komplette Gespräch zwischen mir und Edward Cooper zum Thema Ladeinfrastruktur im Mehrfamilienhaus an:

Kevin Döhnel

Über den Autor: Kevin Döhnel

Diplom-Elektroingenieur (FH) und Geschäftsführer von TICON Energy. Er ist anerkannter Experte für Photovoltaik, bidirektionales Laden und moderne Zählerschrank-Kaskaden in Berlin & Brandenburg.

© 2026 TICON Energy GmbH - Ihr Photovoltaik & Solartechnik Anbieter in Berlin & Brandenburg